Holger Klotzbach: Der Zelt-Zauberer Berlins, der aus Vernunft Kunst machte
Am 23. Januar 2026 starb in Berlin mit Holger Klotzbach einer der größten Kulturbotschafter der Hauptstadt – nur wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag. Mit ihm verliert die Berliner Szene einen unkonventionellen Theatermacher, der wie kein anderer die lockere Verbindung von Varieté, Kabarett und guter Laune zu einem Lebensstil erhoben hat.
Bar jeder Vernunft (Außenansicht/Biergarten), Berlin-Wilmersdorf. Foto: Fridolin freudenfett,
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Wikimedia Commons.
Vom Lehrer zum Theater-Visionär
Holger Klotzbach wurde am 30. Januar 1946 in Duisburg geboren und begann sein Leben ganz klassisch mit einem Lehramtsstudium. Doch dann kam das Leben dazwischen – ziemlich heftig. Wegen seines politischen Engagements wurde er vom öffentlichen Dienst ausgeschlossen, eine als „Radikalenerlass“ bekannte Maßnahme. Während andere darüber verzweifeln würden, dachte Klotzbach: „Na gut – dann eben Zirkus!“ Und so stürzte er sich in ein für damalige Verhältnisse genauso wildes wie buntes Abenteuer.
Seine ersten Sporen verdiente er im Zirkus, arbeitete mit Circus Busch-Roland und war später an der Gründung des legendären Circus Roncalli beteiligt. Diese Jahrzehnte zwischen Manege, Sozialpolitik und intensiver Berliner Alternativszene legten das Fundament für das, was später seine Lebensaufgabe werden sollte: Orte zu schaffen, an denen Kunst und Publikum sich wirklich begegnen.
Die 3 Tornados: Wo alles begann
In den 1980er-Jahren war Klotzbach Teil der anarchistischen Kabarettgruppe Die 3 Tornados – einer Truppe, die genau das tat, was der Name versprach: mit Wind und Humor die ernsten Seiten der Gesellschaft aufwirbeln. In dieser Zeit spielte er auch Klavier, Akkordeon und war ohnehin überall zugleich.
Doch hinter der Freude am Spiel verbarg sich ein ernsthafter Wille: Kultur soll nicht nur konsumiert, sondern erlebt werden.
Die Bar jeder Vernunft: Ein Ort für alle Sinne
1992 gründete Klotzbach gemeinsam mit Lutz Deisinger in Berlin-Wilmersdorf die Bar jeder Vernunft – ein Theater in einem historischen Spiegelzelt, das seitdem legendär ist. Der Name ist ein Wortspiel – nicht „vernünftig“, sondern ohne jede Vernunft – und genau so war auch der Geist dieses Ortes: Kabarett, Chanson, Musik-Comedy und Varieté in einem atmosphärischen Zelt mit Tischen, Getränken, besten Künstlern und Publikum, das genau so gerne lachte wie nachdachte.
Historisches Spiegelzelt (Symbolbild). Foto: Sannevanderzee,
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Hier traten Künstlerinnen und Künstler auf, die heute aus der Berliner Kulturszene nicht mehr wegzudenken sind – von Georgette Dee über Tim Fischer bis zu den Geschwistern Pfister. Die Bar war für viele ein Frühling(sfest) der Karriere, ein Ort, wo Entdeckung und Experiment zusammenkamen.
Tipi am Kanzleramt: Das große Zelt als Bühne der Republik
Zehn Jahre nach der Gründung der Bar entstand ein noch größeres Zelt: das Tipi am Kanzleramt, eröffnet im Jahr 2002. Mit Platz für bis zu rund 550 Zuschauer wurde es schnell zur größten stationären Zeltbühne Europas. In seiner Nähe zum Regierungsviertel lag der Gedanke nahe, dort nicht nur zu unterhalten, sondern Republik und Kultur in einem Atemzug zu feiern – mit Operette, Show, Musik-Comedy und internationalen Acts.
Tipi am Kanzleramt (Außenansicht), Berlin. Foto: Shisma,
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Und so brachte Klotzbach ein Stück Berliner Lebensgefühl auf die Bühne: diverse, lebendige, manchmal schräge, aber immer faszinierende Programme, die Generationen begeistert haben.
Tipi am Kanzleramt (Innenraum). Foto: Wilhelmy,
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Ein Lebenswerk zwischen Zeltplanen und Herzen
Holger Klotzbach gelang es, zwei Theater zu schaffen, die seit über 30 Jahren ohne öffentliche Subventionen anspruchsvolles Entertainment bieten – ein Kunststück, das in der deutschen Kulturlandschaft Seltenheitswert besitzt. Sein Umfeld beschreibt ihn als kreativ, großzügig, weltoffen und tolerant – ein Mann, der nicht nur Kulturinstitutionen, sondern echte Bühnen fürs Leben schuf.
Er hinterlässt sein Lebenswerk in den Zeltkuppeln von Bar jeder Vernunft und Tipi am Kanzleramt, die weiterhin Künstlern Raum geben und dem Publikum ein Lächeln ins Gesicht zaubern – ganz in seinem Sinne.