Rosa von Praunheim – Eine unerschrockene Stimme für Sichtbarkeit und Wandel

 Veröffentlicht: · Ort: Berlin

Rosa von Praunheim auf der Berlinale 2018Foto: Martin Kraft – „MJK 16033 Rosa von Praunheim (Berlinale 2018) crop“,

Lizenz: CC BY-SA 3.0,
Quelle: Wikimedia Commons.

Am 17. Dezember 2025 starb in Berlin einer der markantesten Köpfe der deutschen Film- und Queergeschichte:
Rosa von Praunheim. Wer ihn nur als Filmemacher bezeichnet, macht es sich ungefähr so bequem wie jemand,
der einen Flammenwerfer „Kerze“ nennt: formal nicht komplett falsch, aber eindeutig zu kurz gegriffen.

Vom Rigaer Kind zur Berliner Ikone

Geboren 1942 in Riga (unter dem bürgerlichen Namen Holger Mischwitzky), wurde aus ihm später Rosa von Praunheim – ein Name,
der nicht nur nach Bühne klingt, sondern nach Haltung. „Rosa“ erinnert an den rosa Winkel, mit dem die Nazis homosexuelle Männer
stigmatisierten; „Praunheim“ verweist auf den Frankfurter Stadtteil seiner Jugend. Ein Künstlername als Mini-Manifest:
Erinnerung, Selbstbehauptung, und bitte keine falsche Bescheidenheit.

Rosa von Praunheim auf der Berlinale 2018 (Ganzkörperaufnahme)Foto: Martin Kraft – „MJK 16030 Rosa von Praunheim (Berlinale 2018)“,

Lizenz: CC BY-SA 3.0,
Quelle: Wikimedia Commons.

Der Film, der ein Land aus dem Halbschatten zog

1971 drehte er den Film, dessen Titel schon als gesellschaftliche Ohrfeige funktioniert:
Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt.
Das Werk gilt als Meilenstein der deutschen Schwulen- und Lesbenbewegung – und zwar nicht, weil es „nett erklärt“,
sondern weil es sichtbar machte, was bis dahin gern weggeschoben wurde. Rosa war dabei nie der Typ für das diplomatische
Räuspern. Wenn etwas gesagt werden musste, sagte er es. Laut. Und notfalls mit Glitter.

Über 150 Filme – und kaum einer davon zum Wegdösen

Über Jahrzehnte entstand ein riesiges Œuvre aus Kurz- und Langfilmen, Dokus, Spielfilmen, Porträts und Pamphleten in Filmform.
Mal camp, mal bitterernst, mal beides gleichzeitig (eine Spezialität, die man nicht an jeder Filmhochschule beibringt).
Kultstatus erlangte etwa Die Bettwurst; andere Arbeiten widmeten sich der Aids-Krise, queeren Biografien,
Außenseitern und Ikonen – immer mit dem Blick dafür, dass „Randfiguren“ oft nur deshalb am Rand stehen,
weil jemand die Mitte zu eng gebaut hat.

Provokation als Werkzeug, nicht als Selbstzweck

Rosa von Praunheim polarisierte – manchmal heftig. Besonders umstritten war sein öffentliches Outing prominenter Männer Anfang der 1990er.
Das war verletzend, und die Debatte darüber bleibt kompliziert. Gleichzeitig verstand er Provokation als Mittel,
um ein lähmendes Schweigen zu brechen – gerade in Zeiten, in denen Aids Angst, Scham und Verdrängung befeuerte.
Wer ihn darauf reduzieren will, übersieht den Kern: Er kämpfte sein Leben lang gegen Unsichtbarkeit.
Und Unsichtbarkeit ist, gesellschaftlich betrachtet, leider ziemlich tödlich.

Rosa von Praunheim bei einer Veranstaltung (2016)Foto: (Urheber laut Dateiangabe) – „BeV StroganoV 2016 Praunheim“,

Lizenz: CC BY-SA 4.0,
Quelle: Wikimedia Commons.

Das Vermächtnis

Sein Lebenswerk ist mehr als Filmgeschichte: Es ist ein Archiv queer gelebter Realität, ein Motor für Debatten und ein Beweis,
dass Kunst nicht nur „abbildet“, sondern eingreift. Viele Menschen haben durch seine Arbeiten Worte, Bilder und Mut gefunden,
lange bevor es bequem war, offen zu sein. Rosa von Praunheim hat nicht nur Szenen gedreht – er hat Szenen geschaffen.