Zwischen Graffiti, Techno und Industriegeschichte: Das RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain

RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain mit Street-Art und Industriearchitektur

RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain. Foto: Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International. Quelle: Wikimedia Commons

 

Wer in Berlin unterwegs ist und behauptet, noch nie auf dem RAW-Gelände gewesen zu sein, war entweder nie feiern, nie auf einem Flohmarkt oder hat einen beeindruckenden Orientierungssinn rund um die Warschauer Straße entwickelt. Das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk – kurz RAW – gehört heute zu den spannendsten Kulturorten der Hauptstadt: ein wilder Mix aus Clubs, Street Art, Ateliers, Skatehalle, Biergarten, Konzertlocations und kreativer Dauerbaustelle. Genau das macht den Charme dieses Ortes aus. Hier trifft Berliner Vergangenheit auf Gegenwart – manchmal laut, manchmal bunt, manchmal leicht klebrig vom verschütteten Club-Mate.

Von der Eisenbahnwerkstatt zum Kulturkosmos

Das heutige RAW-Gelände entstand bereits 1867 als „Königlich Preußische Eisenbahnwerkstatt Berlin II“. Damals wurden hier Lokomotiven und Waggons gewartet – heute eher Berliner Nächte bis in den Morgen hinein. Mit der Industrialisierung entwickelte sich das Areal zu einem bedeutenden Bahnbetriebshof. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gelände wieder aufgebaut und in der DDR als „Reichsbahnausbesserungswerk Franz Stenzer“ weitergeführt. Erst nach der Wiedervereinigung wurde der Betrieb schrittweise eingestellt. Mitte der 1990er Jahre stand das riesige Gelände weitgehend leer.

Wie so oft in Berlin zog genau dieser Leerstand Künstlerinnen, Musiker, Clubs und alternative Kulturprojekte an. Ab Ende der 1990er Jahre begann die kulturelle Zwischennutzung – und aus einer Industriebrache wurde einer der bekanntesten Freiräume Berlins.

RAW-Gelände Berlin mit Skatehalle, Photoautomat und Gastronomie

RAW-Gelände mit Skatehalle, Photoautomat und Gastronomie. Foto: DavideGorla, Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons. Quelle: Wikimedia Commons

Clubs, Konzerte und Berliner Nächte

Besonders bekannt ist das RAW-Gelände für seine Clubkultur. Zwischen alten Backsteinhallen und mit Graffiti bedeckten Mauern pulsiert nachts das Berliner Nachtleben. Zu den bekanntesten Locations gehören der Lokschuppen Berlin – vielen noch unter dem früheren Namen „Suicide Circus“ bekannt – sowie das Cassiopeia, wo Konzerte, Skate-Sessions und Clubnächte regelmäßig ineinander übergehen.

Während in anderen Städten vermutlich schon drei Sicherheitskonzepte, zwei Eigentümerversammlungen und ein Bürgerbegehren nötig wären, reicht hier oft ein funktionierender Bass. Genau diese improvisierte Freiheit machte das RAW-Gelände über Jahre zu einem Symbol der Berliner Subkultur.

Kunst zwischen Industriehallen und Beton

Urban Spree auf dem RAW-Gelände in Berlin

Urban Spree auf dem RAW-Gelände. Foto: Uploaded, Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons. Quelle: Wikimedia Commons

 

Auch tagsüber hat das Gelände seinen ganz eigenen Reiz. Besonders das Urban Spree prägt den künstlerischen Charakter des Areals. Das Kunst- und Kulturhaus verbindet Galerie, Konzertort, Biergarten und Urban-Art-Zentrum miteinander. Internationale Street-Art-Künstler stellen hier regelmäßig aus, dazu kommen Lesungen, Workshops und Open-Air-Veranstaltungen.

Die Grenzen zwischen Hochkultur und Subkultur verschwimmen dabei angenehm selbstverständlich – typisch Berlin eben.

Aktuelle Ausstellungen und Veranstaltungen

Aktuell finden auf dem Gelände weiterhin wechselnde Ausstellungen und kulturelle Events statt. Besonders Urban Spree zeigt regelmäßig internationale Urban-Art- und Contemporary-Art-Ausstellungen. Zudem finden auf dem RAW-Areal Open-Air-Märkte, Konzerte, Performances und Kunstaktionen statt.

Das Gelände bleibt dadurch ständig in Bewegung – ein Ort, der nie ganz fertig ist und wahrscheinlich genau deshalb funktioniert. Wer aktuelle Termine sucht, sollte einen Blick auf die offizielle Website des RAW-Geländes, die Website von Urban Spree sowie die jeweiligen Social-Media-Kanäle werfen.

Zwischen Freiraum und Investorenplänen

Wer das RAW-Gelände besucht, erlebt zugleich auch die Konflikte der modernen Stadtentwicklung. Seit Jahren wird über Bebauungspläne, Investorenprojekte und den Erhalt der Club- und Kulturszene diskutiert. Viele Berlinerinnen und Berliner sehen im RAW einen der letzten großen Freiräume Friedrichshains.

Entsprechend emotional werden geplante Neubauten oder Umstrukturierungen debattiert. Zwischen Investoreninteressen und Clubkultur steht das Gelände inzwischen symbolisch für die Frage, wie viel kreative Freiheit sich Berlin künftig noch leisten will.

Trotz aller Veränderungen bleibt das RAW-Gelände ein Ort, an dem Berlin noch ein bisschen nach dem alten Berlin aussieht: roh, unperfekt, laut und voller Widersprüche. Genau deshalb zieht es nicht nur Touristinnen und Touristen an, sondern auch viele Berliner selbst.